Rezension: Ninth World Bestiary 2

Wenn ich ein Ranking der nützlichsten Produkte für Numenera anfertigen würde, läge das Ninth World Bestiary ziemlich weit vorn. Kein Wunder also, dass ich das Erscheinen des Nachfolgers, des Ninth World Bestiary 2, kaum erwarten konnte. Ob sich mein Warten gelohnt hat, könnt ihr hier lesen…

Ninth-World-Bestiary-2-Tags-1Hach, die Monsterbücher! Essentieller Bestandteil eines Großteils aller RPG-Systeme, erscheint dieser Produkttyp zeitlos: Neben der Aufgabe, den Spielleiter mit einem Arsenal an Widersachern für die Spielercharaktere zu versorgen, sind Monsterbücher auch immer integrale Bestandteile der Beschreibung eines Settings. Welche Kreaturen eine Spielwelt bevölkern, bestimmt maßgeblich auch das Bild, das ein Setting von sich zeichnen will. Der eher bodenständigen Fantasy von DSA begegnen wir im Bestiarium in Form vielerlei wilder Kreaturen, die eher an aufgeputschte Tiere als an wirkliche Monster erinnern. Und dann ist da D&D mit seinen vielen Klassikern wie dem Betrachter, den „bunten“ Drachen und dem Mimic (ok, ich habe noch nie einen Mimic im Spiel eingesetzt, aber die Dinger scheinen sehr beliebt zu sein!).

Eine Welt, die so fremdartig ist die Neunte Welt braucht natürlich auch ihren entsprechenden Kreaturen-Katalog. Das Ninth World Bestiary hat sich die Beschreibung einer Bandbreite von Kreaturen zur Aufgabe gemacht, die so groß ist wie die Unterschiedlichkeit der Welt. Was mich an dem Buch von Anfang an fasziniert hat: Es hat einen gewissen Stil geprägt, der zur Neunten Welt passt – sowohl grafisch, also auch von der Beschreibung der Kreaturen und ihrer Eigenschaften selbst her. Immer wieder finden wir seltsame Hybrid-Konstrukte aus Maschine und biologischem Lebewesen. Aber auch Energiewesen oder Kreaturen aus anderen Dimensionen. Es gibt keine „Zukunfts-Orks“ oder „Techno-Drachen“. Die Kreaturen in Numenera haben ihre ganz eigene Nische gefunden, ebenso wie das Setting selbst. Und wer sich jetzt fragt, weshalb ich die ganze Zeit über ein Produkt aus dem Jahr 2014 schreibe: Das Ninth World Bestiary 2 setzt genau an dieser Stelle an und gibt uns schlichtweg mehr desselben! Und das ist gut…zumindest größtenteils. Aber der Reihe nach:

Finanziert über die Crowdfunding-Kampagne „Into the Ninth World“, zu dem im Kern vor allem Bücher wie Into the Outside und Into the Deep gehören, erscheint das neue Kreaturenbuch als letztes großes Printprodukt der Kampagne. Durch ein Bonusziel bei der Finanzierung ist das Ninth World Bestiary 2 (NWB2) sogar mit 192 Seiten sogar um 32 Seiten dicker als der Vorgänger. Der Hauptteil des Buchs präsentiert über 160 Kreaturen auf je einer Seite pro Viech, bis auf Einzelfälle immer mit Farbillustration. Fast alle Monster sind neu, allerdings wurden ein paar (ich habe 37 gezählt) der Einträge aus anderen Büchern wie der Into the… Reihe übernommen – kurioserweise aber nicht alle, was irgendwie unlogisch wirkt. Das Format, in dem die Wesen vorgestellt werden, ist dabei unverändert geblieben. Die Statblocks in Numenera sind aufgrund der wenigen notwendigen Werte übersichtlich, auch wenn (wie in bisher allen Numenera-Produkten) die Spezialangriffe einer Kreatur oft in Fließtext aufgeführt werden und durchaus hätten etwas übersichtlicher hervorgehoben werden können. Aber im Spiel klappt alles ohne Schwierigkeiten, da liebe ich das Cypher System einfach mit seinen simplen NSC-Regeln.

Mit viel Fantasie und etwas Handgewedel

NW-Bestiary-2-5-Irina-NordsolDer Großteil der Kreaturen im NWB2 sind wirklich, wirklich schräg: 3m hohe, psionisch begabte Felsen, die über Nacht ihren Standort wechseln? Check. Ein schlangenartiges Wesen, das eine Gegend terrorisiert, indem es Missgeschicke und scheinbar zufällige Erscheinungen passieren lässt? Check. Ein formloses, geisterhaftes Konstrukt, das sich aus Müll und Numenera einen Körper baut, bis es nach einiger Zeit wieder zerfällt? All das und noch jede Menge anderes Zeug wird uns vorgestellt. Was mir gefallen hat: Während ein großer Teil der Bestien schwerpunktmäßig als Kanonenfutter dient, gibt es immer wieder auch Kreaturen, die als NSCs taugen oder die gute Aufhänger für Abenteuer bieten.

Auf der spieltechnischen Seite verteilen sich die Wesen gut über die 10 Schwierigkeitsstufen. Wie auch schon bei Monstern aus anderen Numenera-Produkten schwankt die individuelle Gefährlichkeit von Tierchen zu Tierchen mitunter stark. Das liegt in der Natur des Cypher-Systems, das keine klaren Regelungen für Monster-Fähigkeiten vorgibt. Das macht es dem SL allerdings nicht so leicht, die tatsächliche Bedrohung abzuschätzen, die von einem Wesen ausgeht. Eine Stufe 3 Kreatur ohne Spezialangriffe ist eben deutlich einfacher zu killen als ein Stufe 3 Nanoschwarm, der sein Ziel lähmen kann und sich wie Stufe 4 verteidigt. Noch schwieriger wird es dann, wenn manche Zusatzeffekte eines Angriffs nur sehr ungenau spezifiziert werden: „Der Charakter verfällt über einige Runden in einen anfallsartigen Zustand und erleidet 3 Punkte Schaden.“  Wieviele Runden denn genau? Hat der Anfall außer dem Schaden noch andere einschränkende Effekte? Hier ist der SL gefragt, was ich auch prinzipiell ok finde. Nur gibt es wiederum andere Kreaturen, deren Effekte bis ins Kleinste minutiös beschrieben sind. Kurzum: Das Problem des Encounter-Designs löst das NWB2 nicht, dafür lässt es dem SL sehr viele Freiheiten und versorgt mit einer Menge spannender und einzigartiger Bestien.

Außen pfui, innen hui?

NW-Bestiary-2-7-Vincent-CovielloIch bin großer Fan des Artworks in den Produkten von Monte Cook Games. Tolle Illustrationen gehörten für mich zu jedem Numenera-Produkt dazu. Wenn man bedenkt, dass das Bestiary Illustrationen für über 160 Kreaturen liefert, ist es beeindruckend, welche Qualität die Bilder haben. Es haben sich ein paar einzelne Bleistiftskizzen eingeschlichen, aber selbst die erfüllen ihren Zweck. Das NWB2 überzeugt hier auf ganzer Linie – zumindest, was die Kreaturenbilder zwischen den beiden Buchdeckeln angeht. Das Cover gefällt mir leider nicht und zeigt lediglich drei sehr abgedrehte Viecher aus dem Buch. Das war auch beim ersten Bestiary so, aber wenn ich die teilweise großartigen Cover der anderen Bücher so anschaue, frage ich mich, weshalb man hier auf sowas verzichtet hat. Eventuell soll es eine Reminiszenz an alte D&D 2nd Edition Monster-Handbücher sein, die stets ähnliche Cover hatten.

Was ist sonst noch drin?

Auf den paar Seiten der Einführung erfahren wir ein bisschen mehr darüber, wie Bewohner der Neunten Welt die Fauna und Flora wahrnehmen, die sie umgibt. Je nach Ort, an dem man so lebt, mag man eine wilde Bestie als gotteslästerlichen Dämon oder als einfaches Raubtier beschreiben. Während man das Wesen in der einen Ecke der Neunten Welt in erster Linie als Teil der Nahrungskette nutzt, wird es woanders aufgrund seiner Verbindung zur Datensphäre als Orakel dressiert.
Dieser Abschnitt bleibt leider sehr oberflächlich und es mangelt schlichtweg an guten Beispielen. Die Idee ist super, aber man hätte meiner Meinung nach mehr ins Detail gehen sollen.

Wirklich nutzbar und witzig hingegen ist eine Tabelle mit Kreaturenmodifikationen, die gedacht ist, um „gewöhnlichen“ Tiere etwas mehr Weirdness zu verleihen. Die Idee ist, dass der SL in die Beschreibung der Fauna einer Region auf die Schnelle ein paar ungewöhnliche Details einflechten kann. Mit einem Wurf auf dem W100 wird aus dem Vogel am Himmel plötzlich ein Wesen mit roten, wehenden Ranken, die aus dem Kopf wachsen und zu einen Symbioten gehören. Summende Leuchtkugeln, Augen am Rückenpanzer, ein Hals, der ein einer Ansammlung von Farnen endet. Eine sehr schöne Idee, wie ich finde.

Abgerundet wird das Buch noch mit einem Index aller Kreaturen aus Numenera-Produkten, die bis zum NWB2 erschienen sind, sowie Zufallstabellen für Regionen und einer Liste mit nach ihrer Stufe geordneten Kreaturen. Was erstmal unspektakulär klingt, zeigt sich am Spieltisch oder beim Vorbereiten von Abenteuern für mich immer als enorm hilfreich. Die fehlende CR-Liste im D&D 5 Monster Manual treibt mich regelmäßig in den Wahnsinn…

Fazit

Das Ninth World Bestiary 2 ist ein tolles Produkt, das viel Einsatz an meinem Spieltisch finden wird. Es ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als einer Monstersammlung mit schönen, kreativen Ideen und Abenteueraufhängern. Wer mehr über das Ökosystem der Neunten Welt wissen möchte oder detailverliebte Beschreibungen der einzelnen Kreaturen, ihrer Habitate und Gewohnheiten erwartet, wird enttäuscht werden. Wer das erster Bestiary besitzt, weiß genau, was ihn hier erwartet und das ist aus meiner Sicht auch völlig in Ordnung. Ich hätte mir tatsächlich etwas mehr Hintergrund gewünscht und hier und da wirken Spezialfähigkeiten nur unzureichend beschrieben, aber das bin ich vom Cypher System schon gewohnt. Auch wäre es schön, wenn Numenera mal ein einheitliches System für (Tier-)Begleiter bekommen hätte.

Für wen eignet sich das Buch? Definitiv für Spielleiter. Spieler werden sich hier eventuell zu sehr spoilern, als dass es sich lohnt.

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2 Gedanken zu “Rezension: Ninth World Bestiary 2

  1. Interessant. Ich hab mir die Preview runtergeladen und auf Grund der wenigen Seiten kann ich dir nur zustimmen. Monster sind immer super, und ich hab noch nie so seltsame Monster wie in Numenera erlebt. Allerdings fehlt wie schon von Anfang an ein wenig der Zusammenhang, das Weltgefüge. Das mag zwar gewollt sein, aber trotzdem… Irgendwie wäre da schon was schön, und wenn es bloß weitere Bücher/Kurzgeschichten aus der 9.Welt sind, die einen Einblick ins Gesamtsetting geben.

    Auf der anderen Seite liebe ich natürlich die Möglichkeit, machen zu können, was immer ich will.

    • Habe mich inzwischen damit abgefunden, dass es eine „Design-Entscheidung“ ist, die durchaus Vorteile hat – man kann alles relativ problemlos überall einsetzen 😀 mir macht es aber auch wenig aus, mir spontan oder bei der Abenteuervorbereitung Details „aus den Fingern zu saugen“. Immerhin fühlen sich die allermeisten Kreaturen so deutlich nach Neunter Welt an, dass dadurch schon ein Gefühl von Zugehörigkeit entsteht 🙂

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