Rezension: Numenera auf Deutsch

Wow, es ist soweit! Mit ca. 1 Jahr Verspätung ist sie da, die deutsche Übersetzung meines aktuellen Lieblings-RPGs. Als stolzer Besitzer der prall gefüllten Box möchte ich meinen Eindruck über die Übersetzung und die Aufmachung der deutschen Version von Numenera teilen…

Gleich vorweg: Dies wird keine grundlegende Rezi zum Spielsystem oder der Welt. Auch werde ich nicht erklären, wie das Spiel funktioniert. Vielmehr hat mich interessiert, wie sich die deutsche Version von Numenera „anfühlt“, im wörtlichen und im übertragenen Sinne. Ich spiele seit etwas mehr als einem Jahr mit dem englischen Regelwerk und komme ganz gut damit klar. Ob ich jetzt noch eine deutsche Übersetzung für meine Runde brauche, bezweifle ich, dennoch freut es mich sehr, dass Numenera durch die Übersetzung mehr Fans hierzulande gewinnen kann. Aber genug der Vorrede, schreiten wir zur Tat und schauen uns das Ganze mal an:

Box, Hardcover oder PDF?

Im Rahmen des Crowdfundings wurde Numenera in drei Varianten veröffentlicht: Als exklusives Hardcover (nur für Crowdfunding-Unterstützer), als  PDF in mehreren Teilen (aktuell noch unklar, in welcher Form es das PDF für Nicht-Crowdfunder geben wird), sowie als Box mit Softcovern und Zubehör. Die Box wird auch in der ersten Auflage mit allen Stretch Goals (Zusatzhefte, Karten, etc.) in den regulären Handel kommen. Irgendwann im August, genaue Daten gibt’s dazu noch nicht.

Ich habe mich beim Crowdfunding für die Box und das PDF entschieden, deshalb kann ich zur Qualität des Hardcovers keine Angaben machen.

Ausstattung der Box

Die Box ist 7cm hoch und kommt bis fast zum Rand gefüllt daher. Die einzelnen Komponenten:

  • Softcover „Die Regeln“ (139 Seiten)
  • Softcover „Die Welt“ (199 Seiten)
  • Softcover „Spielleitung & Abenteuer“ (105 Seiten)
  • 1 Extra Heft mit SL-Artikeln (44 Seiten)
  • 1 Extra-Heft mit Abenteuern (65 Seiten)
  • A1-Karte der Heimfeste und der Ferne (einseitig)
  • Spielleiterschirm
  • Cypher Deck
  • Kreaturen-Deck
  • EP-Deck
  • 10 Charakterblätter
img_6866
Prall gefüllt bis obenhin mit großartigem Inhalt!

Man erhält hier für knapp 50€ eine Menge an Spielmaterial, die ihresgleichen am deutschen RPG-Markt sucht. Gerade die Kartensets sind eine tolle Erweiterung und Hilfe am Spieltisch, die ich aus Erfahrung nicht missen möchte.

Die einzelnen Hefte und Softcover sind vollfarbig, Layout und Illus wurden vom Original übernommen, auch wenn man sich im Gegensatz zum Original hier für einen strengen Blocksatz entschieden hat. Das ist Geschmackssache, mir gefällt es nicht so gut, da alles sehr eng und rigide wirkt.

SL-Schirm: Der SL-Schirm ist in dieser Version einzigartig (es gibt nur einen englischen Schirm im PDF-Format). Er fasst auf 4 Seiten die wichtigsten Tabellen und Regeln zusammen. Auf den Vorderseiten befindet sich schickes Artwork aus dem Grundregelbuch. Neben Tabellen zu Schwierigkeitsgraden wurden Übersichten zu Sondereffekten (also die „Kritischen Treffer“ im Cypher System) und Umgebungsschaden mit auf den Schirm gepackt. Eine Seite wird vollständig von einer Würfeltabelle zur zufälligen Bestimmung von Cyphern eingenommen. Hier liegt der einzige Kritikpunkt, den ich am Schirm habe: Wenn ich sowieso das beiliegende Cypher-Deck zur Bestimmug der gefundene Cypher verwende, ist diese Tabelle leider ziemlich nutzlos. Schöner wären hier die Tabelle für Kuriositäten oder (noch besser) einige Beispiele für SL-Eingriffe gewesen. Alles in allem aber top. Da wären die Amis neidisch!

Zusatzhefte: Die Entscheidung, die zwei Zusatzhefte mit Glimmern (im Original PDF-only Artikel und Abenteuer) als Stretchgoals in die Box zu packen, war eine super Idee. Enthalten sind einmal die (sehr nützlichen!) SL-Hilfen Injecting the Weird, Taking the Narrative by the Tail und In Strange Aeons. Während sich die ersten beiden Artikel mit einzelnen SL-Mechanismen beschäftigen, gibt der dritte Beitrag Hilfestellung für den Einsatz cthuloider Elemente. Im zweiten Heft finden sich die Übersetzungen der Abenteuer Vortex, Into the Violet Vale und Beyond all Worlds. Damit (und den vier Abenteuern aus dem Grundsegelwerk) dürfte vorerst kein Mangel Spielmaterial herrschen. Man hätte die beiden Hefte auch zu einem Softcover zusammenfassen können oder mit den jeweiligen Teilen des Band Spielleitung und Abenteuer in zwei dickere, einzelne Softcover zusammenpacken können, aber hier werden wohl höhere Kosten bzw. lizenzrechtliche Probleme im Weg gewesen sein.

Karten-Decks: Bei den Karten-Decks handelt es sich um die Äquivalente der englischen Decks, also mit Kreaturen und Cyphern, sowie EPs. Das Kreaturen-Deck beeinhaltet übrigens neben Kreaturen des Grundregelwerks zum überwiegenden Teil solche aus dem Bestiary. Das Buch ist natürlich noch
nicht übersetzt, die Kreaturen lassen sich aber auch mit den Infos auf der Kartenrückseite einsetzen. Es fehlen allerdings Infos zum Hintergrund, den Taktiken und Abenteuerideen aus dem Bestiary, da es sich um für die Kartengröße komprimierte Einträge handelt.

Qualität der Materialien

Die Box selbst ist ein wahrer Brocken. Das Material ist dicker Karton, ein Einreißen der Ecken ist aus meiner Sicht nicht zu befürchten. Ich hätte es gut gefunden, wenn die Box 1 cm länger gewesen wäre. Das Herausnehmen der Bücher ist ein ziemliches Gefummel. Mal schnell eines der Hefte rausholen ist nicht.

Eng ist’s in der Box geworden und die Karten fliegen leider lose herum…

Die Papierqualität der drei Softcover des Regelwerks ist leider aus meiner Sicht eher mittelmäßig. Das Papier ist recht dünn und matt, die Farben der Illustrationen wirken dadurch etwas blasser. Im Gegensatz dazu nutzen die beiden Zusatzhefte deutlich dickeres und stabileres Papier, auch die Farben wirken „satter“. Kein Beinbruch, aber etwas schade. Ich bin da vielleicht aber auch etwas pingelich.

Die 10 Blanko-Charakterblätter sind auf dickerem Papier als die drei Regelbücher gedruckt und sehen großartig aus.

Der SL-Schirm besteht aus sehr festem Karton und müsste locker nen atomaren Fallout (und deshalb auch selbst unzählige wüste Rollenspielabende!) überstehen. Auch die Karte der Neunten Welt ist schick geworden, die Papierqualität ist gut, da gibt’s nix zu meckern. Leider muss man aufgrund der Größe der Box beim Herausnehmen der Karte aufpassen, diese nicht zu verknicken.

Die Decks sind stabil und hier wirken die Illustrationen weniger verwaschen als auf manchen der englischen Karten. Schön wäre eine Möglichkeit gewesen, die Kartendecks in der Box zu verstauen. Einmal ausgepackt fliegen die Karten nämlich lose herum und geraten durcheinander. Das nervt extrem, gerade beim alphabetisch sortierten Kreaturendeck. Man muss sich also mit Deckboxen oder Gummibändern behelfen.

Qualität der Übersetzung

Wenn man einen Text erst einmal in der Originalsprache gelesen hat, wirkt eine Übersetzung für mich immer etwas „irritierend“. Zum Vergleich der beiden Regelwerke habe ich sowohl einzelnen Passagen des deutschen Regelwerks „am Stück“ gelesen (auf die PDFs hab ich ja schon seit einigen Wochen Zugriff), als auch ein paar Abschnitte zu den Regeln und zur Welt sozusagen parallel in beiden Sprachen angeschaut, um eine direktere Gegenüberstellung zu haben.

Alles in Allem lesen sich die deutschen Texte flüssig und gut verständlich, die spezielle Stimmung der Neunten Welt, der „Sense of Wonder“, kommt definitiv rüber. Man merkt, dass sich das Orkenspalter-Team viel Mühe gegeben hat. Insbesondere sei hier nochmals positiv hervorzuheben, wie ausgiebig man sich nach Beendigung der Crowdfunding-Phase mit den Unterstützern auf die Übersetzung von Schlüsselbegriffen geeinigt hat. Für völlige Neulinge mag auffallen, dass einige englische Begriffe wie Edge, Cypher oder Glaive nicht eingedeutscht wurden. Das war ein ausdrücklicher Wunsch der Unterstützer. Ob einem das gefällt, ist wohl Geschmacksache, ich jedenfalls bin froh über diese Entscheidung.

Numenera verwendet eine Menge spezieller Spielbegriffe (die Namen der Archetypen, Mechanismen wie SL-Eingriffe, etc.) und die Spielwelt strotzt nur so vor Dingen, die alles andere als gewöhnlich sind. Das führt dazu, dass manche Satzkonstruktionen teilweise etwas holprig oder überkompliziert wirken, gerade wenn Spieltechnisches erklärt oder besonders ungewöhnliche Orte beschrieben werden. So werden die Cloudcrystal Skyfields zu den Wolkenkristall-Himmelsfeldern. Auch führt beispielsweise die Verwendung des Begriffs Seltsames – für den man sich als Übersetzung des englischen weird entschieden hat – zu Konstruktionen, die man so nicht sehr häufig im Alltag hört oder liest. Das alles ist nicht sonderlich schlimm, stört aber hin und wieder leicht den Lesefluss. Hier ein Beispiel für eine solche etwas holprige Formulierung:

„Würfle auf diesen Tabellen – oder wähle aus ihnen aus – wie du es brauchst. Sie sind großartig, um Ideen zu generieren, so dass, selbst wenn du das Seltsame nicht benutzt wie beschrieben, diese Tabellen vielleicht deine eigenen Ideen anspornen können.“

aus „Eine Prise Seltsames“

Letztlich sind die meisten der sperrigen Übersetzungen wohl dem herausfordernden Originalmaterial zuzuschreiben, das nunmal nicht mit Sonderbegriffen geizt, für die eine passende Übersetzung gefunden werden muss.

Was mich tatsächlich auch nach ausführlicher Lektüre noch immer irritiert, ist die Bezeichnung Spielleitung, die konsequent anstelle des Wortes Spielleiter/Spielleiterin eingesetzt wird. Ich bin so sehr daran gewöhnt, mich als Spielleiter und nicht als die Spielleitung zu sehen, dass mir diese Wortwahl nicht gefallen mag.

Interessanterweise wurden die Texte für die Zusatzhefte teilweise von anderen Übersetzern ins Deutsche übertragen als das Grundregelbuch. Aus meiner Sicht leidet der Sprachstil aber nicht wirklich darunter, auch die Zusatzbände sind solide übersetzt.

Abschließendes Fazit

Ich bin froh, dass Numenera mit den Orkenspaltern und dem Uhrwerk-Verlag ein so großartiges Team für die deutsche Übersetzung und Veröffentlichung gefunden hat. Das Endprodukt ist des Originals mehr als würdig, die lange Wartezeit schnell vergessen. Die wenigen Kritikpunkte stehen einem hochwertigen, professionellen Produkt gegenüber und mindern die Einsetzbarkeit des Systems in keinster Weise. Inhaltlich ist hier wirklich alles gut gegangen. Mit der Box erhält der Käufer ein umfassendes Einstiegsset, mit dem man eine ganze Weile spielen kann. Allein die zahlreichen fertigen Abenteuer sorgen für genug Stoff für dutzende Spielabende.

Ich würde mir sehr wünschen, dass zukünftige Numenera-Produkte auf Deutsch den vorgelegten Qualitätsstandard halten können. Vor allem wünsche ich mir aber, das der Uhrwerk-Verlag einen Zahn zulegt, was die Veröffentlichungen angeht. Auch hoffe ich, dass es ein wenig mehr Werbung, Demo-Spielrunden, Begleitartikel / Werkstattberichte von der Verlagsseite gibt. Bisher ist Nurmenra in Deutschland meiner Empfindung nach ein ziemliches Nischenprodukt und verdient es allemal, bekannter gemacht zu werden.

Advertisements

8 Gedanken zu “Rezension: Numenera auf Deutsch

  1. Die Box sieht fantastisch aus. Ich hadere mit mir, denn ich bin gerade dabei mir nach und nach alle Numenera Bücher auf englisch zu kaufen, und besitze ansonsten auch schon alles als PDF. Aber die Box sieht schon stylisch aus, und zwei meiner drei Mitspieler würden sich deutlich leichter mit einem deutschen Regelwerk tun. Schwierige Entscheidung! Ich hoffe, das Spiel schlägt in Deutschland richtig gut ein.

  2. Die Schriftgröße ist relativ klein geraten bzw. recht matt*) + dafür ist viiel Rand gelassen worden.

    *) zumindest in den 3 Regelbänden, in den 2 Zusatzbänden empfinde ich es nicht so -ggf. andere/r Papierart/Druck?
    Verglichen mit dem Hardcover Shadowrun 5 scheint sie gleichgroß aber merklich „matter“.

  3. Ich finde Spielleitung gut, weil männliche Grundbegriffe bei den Lesenden oft ein männliches Bild im Kopf kreieren und es ja wichtig ist wer sich in der RPG Welt zutraut zu Spielleiten.
    Ansonsten stimme ich dir aber in allen Punkten zu und wünsche mir v.a. wie du, dass die Linie bei Uhrwerk jetzt mit viel zusätzlichem Material versorgt wird.

  4. Tolle Rezi! Kannst du noch was zur Qualität der Bindung der Regelwerke sagen? Oft ist ja bei Softcoverbüchern die Leimbindung mangelhaft. Hast du das Gefühl hier könnte sich schnell was lösen?

    • Das Papier finde ich noch ok, aber die Klebebindung hat sich bei mir sofort beim Lesen gelöst. Und meine Bücher sehen in der Regel alle so aus, als wenn ich sie gerade erst gekauft hätte. Das ist auch mein größter Kritikpunkt an der Box: Hardcover hätte ich wesentlich besser gefunden als zahlreiche Einzelhefte, es wäre stabiler gewesen und hätte länger gehalten. Dafür hätte ich auch 60€ bezahlt.

    • Bei mir hat sich bei allen drei Büchern beim ersten Lesen schon die Klebebindung bei der ersten Seite gelöst. Und bei mir sehen Bücher in der Regel auch nach mehrmaligem Lesen noch so aus, als hätte ich sie gerade erst gekauft. Das ist auch mein einziger Kritikpunkt an der Box: Ich hätte Hardcover besser gefunden, weil es stabiler ist und länger hält. Dafür hätte die Box aus meiner Sicht auch ruhig teurer sein können.

  5. Hallo Michael! Danke 🙂 Die Bindung der Bücher sieht ok aus, da mache ich mir gerade keine Sorgen. Die Zusatzhefte sind geklammert und wirken auch robust. Hier ist das Papier auch fester.

  6. […] Sonstiges Videos Numenera: Deutsche Version – Startnext-Video Welt und Setting Numenéra – Pen and Paper Let’s Play Teil 1 Numenera: Boxing-Video von der Pack-Aktion Rezensionen Teilzeithelden aendymion blog […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s